Geduld – ein rares und wertvolles Gut

Das Wort „Geduld“ leitet sich vom urgermanischen Wort githult (8. Jahrhundert) ab, das wiederum vom Verbalabstraktum ga-thuldis stammt. Dieses geht auf die indogermanische Wurzel *tel(ə)- zurück, die „tragen“, „ertragen“ oder „dulden“ bedeutet. Das moderne Verb dulden ist damit verwandt und bedeutet ursprünglich ebenfalls „ertragen“. Das meint Wikipedia zur Wortherkunft des Worts Geduld…

In unserer Zeit ist es wohl ausser Mode geraten etwas zu ertragen. Demütig zu Üben, ohne eine sofortige Wirkung zu sehen. Mit Zuversicht zu investieren, ohne zeitnahe Verbesserung zu erleben ist heute nicht zeitgemäss. In der Werbung wird einem versprochen, dass man das Paket mit den (lebenswichtigen?) Vergnügungsdingen noch schneller erhalten kann, dass man noch kürzer warten muss, bis man einen Kredit bekommt und so weiter.

Ein Instrument lernen

Auch ein Instrument will man möglichst effizient und ohne Umschweife lernen. Umwege und Sackgassen sind verpönt! Und trotzdem dauert es heute wohl genau so lange, bis jemand ein Instrument erlernt hat, wie vor 100 Jahren. Der Weg ist bestimmt anders, viele Umstände haben sich total verändert. Die Zeit aber, die jemand mit seinem Instrument verbringt, bis es schön tönt, kann nicht wesentlich verkürzt werden. Natürlich gibt es Menschen, welche von Natur aus „talentiert“ sind. Der Trompeten-Doktor Malte Burba nennt diese Menschen „Purzelbaum-Kinder“: Manche Kinder können den Purzelbaum einfach, wenn ein anderes Kind ihn vorzeigt, andere jedoch müssen ihn mühsam erlernen. Toll, wenn man jetzt ein Alphorn-Purzelbaum-Kind ist. Aber was, wenn nicht? Nicht verzagen! Geduld haben. Nimm dir Zeit, um Schritt für Schritt zu gehen. Bevor du nicht einen schönen Klang hast, brauchst du nicht schnell oder gar hoch zu spielen! Bevor du Tonsprünge nicht langsam sauber hinkriegst, brauchst du nicht schnell zu üben! Ein wichtiger Spruch vom schon zitierten Malte Burba: Man übt immer zu schnell! Gib deinem Hirn Zeit zum Verarbeiten. Die Neurologie zeigt, dass der Lernprozess erst im Nachhinein geschieht! Ja, am meisten lernt man im Schlaf!

Hab Geduld mit dir!

Wenn ich gefragt werde, was das Wichtigste beim Erlernen des Alphorns sei, antworte ich: „GEDULD“. Natürlich kann jemand vom ersten Tag an eine Stunde pro Tag Alphorn-Üben versuchen. Das wird aber für die ungeübten Lippen rasch zur Tortur. Darum finde ich es wichtig, dass Lernende mit sich selbst Geduld haben.

Oft werde ich gefragt: „wie lange geht es denn, bis man Alphorn spielen kann?“. „Das kommt darauf an“ antworte ich meist. „Worauf denn?“ „Darauf, wieviel und wie man übt.“ „Aha. Aber wie lange geht es denn?“ „Es gibt Menschen, die spielen nach einem Jahr schon recht anständig, andere erlernen das Alphornspiel nie wirklich. Gegenfrage: Wann „kann“ man denn Alphorn spielen?

Ganz klar sind Alphorn-Anfänger mit Blechblashintergrund im Vorteil. Das heisst aber nicht, dass nicht ein Blechblasanfänger auf dem Alphorn immer länger braucht, bis er „gut“ spielen kann, als jemand der vielleicht vor 20 Jahren mal ein Jahr Trompete gespielt hat. Und wie oben bereits angetönt kommt es halt stark darauf an, wie fleissig und fokussiert man übt. Ich will das nicht werten! Jemand der „einfach e chly“ Alphorn spielt, „Weil es ihm guttut“ ist mir ehrlich gesagt lieber als jemand, der schon nach der 2. Lektion fragt, wann er dann endlich die Bänklialp spielen könne…

Wer also Alphorn lernt, braucht Geduld mit sich. Das Wissen darum, dass rein die Tonproduktion beim Alphorn halt viel komplizierter ist als zum Beispiel beim Klavier, oder bei der Blockflöte hilft leider oft nicht gegen überhöhte Anforderungen an sich selbst. „Das kann doch jetzt nicht so schwierig sein!“ „Oh, ich stelle mich aber doof an…“ „bei dir tönt das ja viel schöner…“ und viele weitere selbstzerfleischende Gedanken sind da oft nahe! Hier finde ich es besonders wichtig, mit sich selbst geduldig zu sein. Tun, was man tun kann: jeden Tag üben, sowohl in guten wie in schlechten Zeiten, schön brav die Übungen wiederholen, wie sie der Lehrer gezeigt hat, und dabei immer einen Fokus haben, was man denn verbessern möchte. Mit Übungen den Klang, die Atmung, die Zunge und die Lippen zu kontrollieren lernen, das hilft enorm. Aber ganz viel hilft auch, wenn man ehrlich gelassen zu sich sagen kann: ich tue mein Bestes. Der Fortschritt wird kommen! Und die Lernkurve, auch das weiss man aus wissenschaftlichen Studien, ist nie eine Gerade. Sie verhält sich eher wie eine Treppe. Und gerade bevor die nächste Stufe kommt – je länger man spielt, desto kleiner werden die Stufen – ist es wichtig, die Geduld zu behalten und beharrlich weiterzufahren. Schon sehr oft habe ich bei Schülern erlebt, dass sie ihren „Knopf“ in einer Phase gelöst haben, als sie vielleicht nicht grade am fleissigsten waren. Das ist jetzt kein Plädoyer gegen regelmässiges Üben, im Gegenteil. Phasen mit weniger Einsatz sind aber ganz natürlich und sollten auch so akzeptiert werden.

Genügsamkeit üben

Gerne erzähle ich von einer Schülerin, welche ich gerne als sehr genügsam beschreibe. Sie hatte nie grosse Ansprüche, wollte nie hoch spielen. Als sie als 10-Jährige nach ca. 1,5 Jahren Alphorn für ihrem Vater zum Geburtstag eine «CD» aufnehmen wollte, war sie mit den drei bis vier Tönen, welche sie zu diesem Zeitpunkt schön spielen konnte, zufrieden. Sie übertat sich nicht beim Üben. Aber sie war sehr geduldig und arbeitete doch alles in allem kontinuierlich. An ihrem letzten Konzert spielte sie die 1. Stimme vom «Kuhreihen der Oberhasler». Wer ihn kennt, weiss, dass das ein forderndes Stück ist. Sowohl von der Höhe, von der Technik, als auch von der Ausdauer her. Sie spielte das aber sehr locker. Natürlich spielte sie es nicht ganz fehlerfrei oder auf professionellem Niveau, mich aber hat sie damit tief beeindruckt und mir gezeigt: Wer den Langmut besitzt, kontinuierlich zu arbeiten und nicht immer nur auf die Höhe setzt, kommt lockerer ans Ziel!

Sei also geduldig und «ertrage» im ursprünglichen Sinn, dass du nicht so schnell vorwärtskommst, wie du möchtest…

Nun, wie geduldig bist DU mit DIR?

Hab Geduld mit Ihnen!

Für Lehrer ist es natürlich am schönsten, wenn Schüler*innen jede Woche einen grossen Sprung gemacht haben. Aber ist das denn normal? NEIN! Also da habe ich nun eine ganz grosse Bitte an alle Ausbildenden: Habt Geduld mit euren Schülern! Sie geben ihr Bestes. Stellt euch immer vor, wie es wäre, ihr wärt auf der anderen Seite des Alphorns: Ihr seid beim Lehrer und er staucht euch zusammen und hält eine Moralprdeigt etc. über wie man täglich üben MUSS und so weiter. Wie fühlt ihr euch da?
Bleibt ehrlich: „Ich sehe dein Spiel hat sich nicht wesentlich verbessert, was denkst du, wieso?“ Wenn der Schüler dann gesteht, nicht oder fast nicht geübt zu haben: tja, das ist jetzt passiert… Wenn er aber nach bestem Wissen und Gewissen geübt hat: Wie hast du das denn genau gemacht? Was hast du verstanden? Wobei hast du Fragen?

Ein ganz schwieriger Punkt beim Alphorn finde ich, dass Anfänger lange Zeit fast keine bekannten Musikstücke spielen können. Erwachsene – aber auch Kinder – mit Dreitonliedern bei der Stange zu halten, bis sie Klang und Atmung im Griff haben, ist gar nicht so einfach. Hier die Geduld zu haben (als Schüler, wie auch als Lehrer,) bis die Tonerzeugung, die Stütze, der Anstoss und die Lockerheit sitzen, bevor schwierige oder hohe Stücke geübt werden, finde ich ganz wichtig! Als Lehrer habe ich die Verantwortung meine Schüler darauf hinzuweisen, falls sie „zu schnell vorwärtsgehen“ wollen und sich so die Bildung eines guten Fundaments vermasseln. Darum darf ein Lehrer meines Erachtens keinesfalls drängeln, wenn es wegen IHM weitergehen soll und muss den Schüler warnen, wenn er zu schnell weiter gehen will.

Hoch spielen (k)ein Kampf?

Auch das Thema Höhe ist im Unterrichtsalltag allgegenwärtig: wer hoch spielen kann ist gut! Nun ja, ich habe schon oft Vorträge oder Proben gehört wo schon hoch gespielt wird. Es fragt sich nur: ist denn das schön anzuhören? Kommt es locker aus der Stütze? Oder ist es einfach mit viel K(r)ampf hin gewürgt? Wäre es da nicht vielleicht besser die 2. Stimme, oder ein einfaches, sehr schönes Stück – wie es viele z.B. von Hans-Jürg Sommer gibt – zu spielen?

Ja, da braucht es Geduld und jemanden, der einem zeigen kann, wie man das auch ohne Murks schafft. Natürlich leuchtet mir ein, dass man wie oben Beschrieben erst „richtige“ Alphornmusik machen kann, wenn man mindestens ins e‘‘ spielen kann. Für diesen Fall hat Gaby Laetsch hat ein wunderbares Buch verfasst, in welchem sie dieselben Rhythmen mit verschiedenen Tonhöhen aufgeschrieben hat. Über die Sprache bekommt der Lernende Zugang zur Rhythmik, ohne dass er sich mit der Höhe quälen muss.

Ich ermuntere meine Schülerschar, die Geduld für aufzubringen, die Grundlagen zu lernen, bis die Zeit reif ist für diese Höhe. Selbstredend, dass man von Zeit zu Zeit versuchen muss, wie hoch man denn eigentlich spielen kann und „an die Grenze“ gehen. Aber bitte immer mit Köpfchen und nicht mit dem Brecheisen. Der Körper speichert die Informationen selbständig ab. Wenn hohe Töne immer anstrengend sind, dann merkt sich der Körper das! Es wird also immer schwieriger die Höhe locker zu erreichen. Gerade wer schon lange spielt muss sich eine neue Art zu spielen (eben locker) mit viel Geduld erarbeiten.

Geduld & Hartnäckigkeit = Erfolg

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass Geduld gepaart mit Hartnäckigkeit viel öfter zu Erfolg und Gelassenheit führen, als etwa viel Talent und anfängliche Begeisterung. Steter Tropfen höhlt den Stein – um ein weiteres Sprichwort zu bemühen – gilt auch da.

Diesen Artikel zu schreiben hat mich auch viel Geduld gefordert. Über zwei Monate habe ich daran geschrieben und versucht, geduldig mit mir zu sein und den Artikel erst zu veröffentlichen, wenn er mir gefällt! Ich hoffe, dass ich lange genug daran gearbeitet habe, dass er nun wohlgeformt, gut lesbar und informativ ist!


Nun wünsche ich allen viel Geduld mit der Geduld!

4 Kommentare

  1. Salü Sämi,
    Danke dir für den sehr wertvollen Beitrag.
    Für jeden Anfänger
    Für jeden Fortgeschrittener
    Und es geht auch der Profi an.
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Wir spielen ja kein Musikinstrument wir spielen ein Seeleninstrument.
    Gruss Hans

  2. Sali Sami
    Herzlichen Dank für deinen sehr wertvollen Weihnachts-Blog. Deine Geduld hat sich mehr als gelohnt – wohlgeformt, gut lesbar und sehr informativ – Danke tuusig daderfir.
    Dieses wertvolle „Gut“ ist uns Menschen wirklich abhanden gekommen. Unsere Gesellschaft will alles jetzt und subito. Ich bin je länger je mehr überzeugt, dass genau diese „Ungeduld“ uns Menschen an den Rand der Verzweiflung trägt.
    Nun wüsche ich dir und deiner Familie frohe Festtage, einen guten Rutsch in das neue Jahr und freue mich schon jetzt auf viele weitere „geduldige“ Begegnungen mit dir.
    Liebs Griessli vor Axalp
    Dölf

  3. Ich habe erst vor 4 Wochen begonnen mit dem Alphornblasen. Dein Blog hilft mir zu verstehen und mit mir Geduld zu üben. Danke für deine Ausführungen!

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