Geschichte
Das hölzerne Hirtenhorn, Ligawka genannt, war seit Jahrhunderten in den Provinzen Podlachien und Masowien in Ostpolen gebräuchlich. Der Pfarrer von Ciechanowiec, Botaniker und Volkskundler Krystztof Kluk beschrieb es 1778 als „hölzernes Horn, das Hirten blasen, wespenförmig, weidenförmig“. Die Ligawka diente einerseits zum Viehtreiben und zum nächtlichen Vertreiben von Raubtieren, wie Bären und Wölfen. Ausserdem wurde dem Klang des Hirtenhorns auch wundersame Kräfte zugeschrieben, die vor dem Bösen schützen sollten.
Es entwickelte sich der Brauch, die Ligawka in der Adventszeit zu spielen. In diesen Tagen der Erwartung der Geburt des Erlösers, wenn weder Musik noch Tanz erklingen, wurden abends in allen Dörfern kurze Töne und Signale gespielt. Sie sollten die Menschen an die Bedeutung der Adventszeit erinnern. Die Klänge mahnten gleichzeitig an die Trompeten des Jüngsten Gerichts. Zum letzten Mal erklingt die Ligawka vor der Mitternachtsmesse am 25. Dezember.
Im 2. Weltkrieg wurde das Spielen der Ligawka von der Nazi-Besetzungsmacht verboten. Sogar der Besitz einer Ligawka wurde unter Strafe gestellt, aus Angst, die Bevölkerung könnte Nachrichten durch vorher vereinbarte Signale austauschen.
Neuzeit
Nach 1945 geriet die Ligawka in Vergessenheit. Sie wurde als Hirteninstrument nicht mehr verwendet. Erst Ende der Sechzigerjahre, als man Exponate für das neu gegründete Landwirtschaftsmuseum in Ciechanowiec sammelte, wurden in den Dörfern der Umgebung einige erhaltene Exemplare entdeckt. Europäische Musikwissenschafter waren begeistert von den historischen Instrumenten.
Der Direktor des Museums, Kazimierz Uszinski, initiierte die Wiederbelebung der Ligawka-Tradition. Er motivierte fähige Musiker, z. B. Trompeter, die Ligawka wieder zu spielen und veranstaltete 1974 den ersten Wettbewerb mit 4 Teilnehmern.
Konkurs Gry na Rogi Pasterskich
In den folgenden Jahren entwickelte sich der Wettbewerb von einer regionalen zu einer landesweiten Veranstaltung. Neben Ligawkas wurden auch hölzerne Hirtenhörner aus anderen Regionen Polens präsentiert: die Trombita aus den Karpatengebieten in Südpolen und die Bazuna aus der Ostseegegend von Kaschubien. Ab 1994 wurde die Veranstaltung ausgeweitet auf andere Volksmusik-Instrumente wie Flöten, Pfeifen, Dudelsäcke, Violinen, Akkordeons u.v.m. Seit einigen Jahren werden auch Einzelpersonen und Formationen aus dem Ausland eingeladen. Sie bringen ihre landestypischen Instrumente mit, wie Fujara (Slowakei), Bukkehorn und Lur (Norwegen), Rohrflöte (Finnland), Rindenhorn (Estland), Winterhorn (Holland), oder das schweizerische Alphorn.
Ein besonderes Augenmerk wird auf die Förderung der Jugend gelegt, die in jeder Disziplin in einer eigenen Kategorie bewertet werden. So trägt das Treffen bei zur Wiederbelebung der Folklore und dem generationenübergreifenden Erfahrungsaustausch im Bereich des Musizierens. Während Ligawkas einst nur von Männern gespielt wurden, stösst der Wettbewerb heute auch bei den Mädchen auf grosses Interesse.
Am ersten Adventssonntag wird die Messe in der Kirche von Ciechanowiec unter Mitwirkung von zahlreichen Volksmusikanten gefeiert. Anschliessend findet die Preisverleihung in den zahlreichen Kategorien statt.
2026 findet der Konkurs zum 45. Mal statt.
Machart
Traditionelle Beschreibung: „ Die Herstellung eines Horns beginnt damit, einen geeigneten Ast von Astknoten zu befreien, die Rinde abzuschälen und die Oberfläche zu glätten. Dann wird der Ast mit einer Säge halbiert. Die beiden Hälften werden sorgfältig ausgehöhlt, um die Wände nicht zu beschädigen. Genauigkeit ist erforderlich, da dünne Wände einen besseren Klang erzeugen. Nach dem Abschleifen der Innenseiten werden die Hälften mit einem Bindemittel – früher Harz oder Pech, heute Leim – zusammengefügt. Anschliessend werden Reifen angebracht, früher Wurzelholz, Weidenzweige oder Rinde, heute oft Schnur. Das Mundstück ist fest mit dem Instrument verbunden und kann verschiedene Form und Grösse haben.“
Die moderne Ligawka ist 90-180 cm lang, manchmal gerade, häufiger leicht gebogen und weitet sich am Ende zu zu einem Schalltrichter.
Die Bauzeit der Ligawka fiel früher in den Herbst, damit die Ligawka während der Adventszeit besonders luftdicht war. Heute herrscht die Ansicht, dass das Holz für die Ligawka das ganze Jahr über trocknen sollte, damit sich die Form dauernd erhalte. Um die Ligawka dicht zu machen, wurde sie oft ins Wasser gelegt, z. B. in einen Brunnentrog, damit das Holz aufquoll.
Spielweise
Für die traditionellen Hirtenrufe und Adventsmelodien reichen vier bis fünf Töne aus. Dafür sollte das Instrument mindestens 120 cm lang sein. Früher wurde die ideale Länge mit „2-3 Ellen“ angegeben.
Die meisten Rufe und Melodien sind Variationen einer gemeinsamen Grundform und tönen sehr ähnlich. Meist beginnt der Ruf mit dem aufsteigenden Dreiklang so-do-mi. In diesem Tonraum wird darauf die Folge der drei Töne verändert und rhythmisch variiert. Geübte Bläser erweitern die Melodie mit den höheren Naturtönen so und la. Insgesamt werden also fast ausschliesslich die Töne vom 3. bis 7. Naturton verwendet. Die Länge der Ligawkas ist nicht normiert, so dass das harmonische oder mehrstimmige Spielen eigentlich nicht stattfindet. Es kommt aber vor, dass mehrere Bläser gleichzeitig spielen, was dann relativ dissonant klingen kann. Quelle: Aufzeichnungen von Stanislaw Remiszewski, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Muzeum Rolnictwa, Ciechanowiec









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