Lektion 9 – Höhe

In dieser Lektion lernst du, dass der Weg (in die Höhe) das Ziel ist.

„Höhentraining“

Damit es gleich klar zu stellen: dieses Kapitel ist unnötig! Denn Höhe erreichst du nicht, indem du sie trainierst. Sie stellt sich von selbst ein, wenn du kontinuierlich an deiner Blastechnik arbeitest. James Morrison sagt dir gleich nochmals (er ist Trompeter, aber seine Erklärungen gelten auch für das Alphorn):

Warum das Kapitel trotzdem nötig sein könnte: Es gibt diesen Moment, wo du den nächst höheren Ton spielen möchtest, aber es einfach nicht schaffst. Subjektiv hast du das Gefühl, es liege an mangelnder Kraft. Du beginnst darum zu drücken, pressen und würgen. Und vielleicht kommt ja irgendwann tatsächlich der Ton – wenn auch nur krächzend und unzuverlässig. Doch bald stösst du so an der Decke an. Dein Weg nach oben ist versperrt.

Der einseitige Fokus auf die Kraft („Höhentraining“) birgt zwei grundsätzliche Probleme:

  • Das Gesamtsystem gerät aus dem Gleichgewicht. Wie du in Kapitel 4 gelernt hast, wird die Tonhöhe durch das Zusammenspiel von Zunge und Lippen bestimmt. Dieses Gesamtsystem benötigt nicht nur Kraft sondern – vor allem – auch Geschicklichkeit (Feinmotorik). Du kannst deine Lippen so stark anspannen wie du willst… – solange du es nicht schaffst, sie richtig zu positionieren und mit einem genügend schnellen Luftstrom zum Vibrieren zu bringen, entsteht kein Ton! Dein Gesamtsystem ist immer nur so gut wie sein schwächstes Element.
  • Du trainierst die falschen Muskeln. Solange deine Feinmotorik um die Lippen nicht weiss, wie sie am richtigen Ort Spannung erzeugen soll, wird sie die falschen Muskeln zu Hilfe nehmen. Wenn du beispielsweise dein Mundstück auf die Lippen presst, trainierst du deine Unterarme statt die Lippenmuskeln. Fazit: Dein Fokus auf Kraft hält dich davon ab, Kraft dort aufzubauen, wo du sie tatsächlich brauchst. Das ist ein bisschen so wie bei jemandem, der im Fitness-Club zu viel Gewicht auf die Maschine legt, aber trotzdem keinen Bizeps bekommt, da er die Übung falsch ausführt.

Der nachhaltige Weg in die Höhe beruht statt dessen auf einer kontinuierlichen Verbesserung des Gesamtsystems:

  • Verbessere deine Basis (Haltung und Atmung), damit dir ein stabiler und voluminöser Luftfluss zur Verfügung steht. Spiele dazu mit viel Dynamik und langen, klaren Tönen.
  • Verbessere die Kontrolle über deine Zunge, damit sie den Luftfluss zielgenau kanalisieren und beschleunigen kann. Arbeite an Effizienz und Präzision durch Binden, Artikulationsübungen und das Einüben neuer Stücke und komplexer Tonfolgen. Nimm vielleicht auch das Didgeridoo hinzu oder erlerne Zirkularatmung oder spiele polyphon, indem du gleichzeitig ins Alphorn bläst und singst.
  • Verbessere deinen Ansatz, damit die Lippen dem schnellen Luftfluss standhalten und vibrieren. Verfeinere deine Feinmotorik durch laufende Kontrolle. Entwickle deine Lippenmuskulatur durch Buzzing und konsequentes Vermeiden von Pressen. Steigere ihre Ausdauer durch Spiel in der Höhe, allenfalls ergänzt mit gezieltem Lippen-Body-Building.
  • Verbessere deine Flexibilität, damit dein Gesamtsystem auch in der Bewegung funktioniert. Übe schnelle Veränderungen in Tonhöhe, Klangfarbe und Dynamik.

Der nächst höhere Ton erklingt „von selber“, sobald das Gesamtsystem bereit dazu ist. Indem du das Ziel aus dem Fokus nimmst, kommst du auf dem Weg weiter. Ja, ja, ok, aber wie lange dauert es? Es gibt dazu keine verlässliche Statistik des Eidgenössischen Jodlerverbandes. Meine Schätzung: AnfängerInnen brauchen durchschnittlich etwa 400-500 Stunden konzentrierte Übezeit (also 2-3 Jahre), bis sie stabil bis g2 / g“ spielen können; bis c3 / c“‘ braucht es im Durchschnitt 3000 Stunden (also rund 10 Jahre). Die Streuung um diesen Mittelwert ist jedoch sehr gross: ich kenne Grünschnäbel, die nach ein paar Wochen bis g2 spielten, aber auch gestandene Veteranen, die nach zehn Jahren immer noch nicht hoch kommen. Das ist aber auch nicht so wichtig – Höhe ist nicht alles!

Experiment. Den folgenden Hack für mehr Höhe hat Blaise Bowmann vorgeschlagen: Zuerst bereitest du den Körper unter Kälte vor. Begebe dich dazu in Unterwäsche nach draussen in den Schnee, in einen Gefrierraum, unter die kalte Dusche oder – optimal – zum Bad in einen eisigen Bergsee. Spiele dort ein paar Minuten leicht im oberen Bereich deines Tonraumes (unter der kalten Dusche eventuell nur mit dem Mundstück). Dann kehre zurück in die Wärme und spiele nun so weit in die Höhe, wie du kannst. Was stellst du fest? Gemäss Bowmann kannst du mit der Methode in wenigen Minuten eine halbe Oktave nach oben gewinnen. Ich konnte dies im Selbstversuch zwar nicht ganz reproduzieren, aber kann immerhin bestätigen, dass in der Auftau-Phase die hohen Töne tatsächlich einfacher gelingen.

Stütze

Vielleicht hast du das schon gehört: „Anfänger spielen mit Lippendruck in die Höhe, Profis mit der Atemstütze.“ Das stimmt natürlich nicht absolut, aber enthält einen wahren Kern. In deinem Gesamtsystem steht ganz am Anfang ein stabiler und voluminöser Luftfluss. Wenn du nun das Gesamtsystem beim Spielen in der Höhe zur Hochleistung bringen willst, reicht deine Alltagsatmung nicht mehr aus, um den nötigen Luftfluss zu produzieren – du brauchst Unterstützung.

Mit „Stütze“ ist die Aktivierung von verschiedenen Hilfsmuskeln im Bereich des Zwerchfells gemeint. Während deine normale Ausatmung durch die (passive) Entspannung von Zwerchfell und Muskeln im Brustbereich passiert, leisten deine Hilfsmuskeln beim geführten Ausatmen einen aktiven Beitrag. Wenn du deine Stütze aktivierst, verbesserst du deine Basis für einen klaren Klang, bewegliche Dynamik, Ausdauer und Höhe. So kannst du ein Körpergefühl für die Stütze entwickeln:

  • Husten. Eine zentrale Rolle bei der Stütze spielen der grosse Rückenmuskel (Musculus latissimus dorsi, auch bekannt als „Hustenmuskel“) und der Lendenmuskel (Musculus quadratus lumborum). Beide werden auch beim Husten aktiviert. Du kannst diese Muskeln wahrnehmen, indem du deine Hände in die Seite stützt (den Daumen im unteren Rückenbereich) und hustest.
  • Luft drücken. Statt zu husten, kannst du auch aktiv Luft drücken, beispielsweise indem du impulsiv „tsssss“ sagst oder einen engen Ballon aufbläst. Versuche beides mit und ohne Stütze.
  • Auf einem Bein spielen. Wenn dein Körper mit seinem Gleichgewicht kämpft, aktiviert er automatisch die an der Stütze beteiligten Muskeln. Auf einem Bein zu spielen ist eine guter Trick, wenn du Mühe mit der Aktivierung der Stütze hast.

Ausblas-Übungen werden manchmal empfohlen zu Stärkung der Blaskraft (z.B. hier). Ich glaube nicht, dass du ein solches Body Building der Hilfsmuskeln auf dem Alphorn brauchst; die Übung kann jedoch dabei helfen, dir die Aktivierung der Stütze anzugewöhnen. Den selben Effekt erreichst du mit bewusstem, rhythmischem „Breath Attack“ (Anblasen der Töne, z.B. Übung #2.7&2.8 des Workout für Alphorn und Büchel. Diese systematische Aktivierung der Stütze ist für Luftführung und Tonkultur zentral. Gerade in der Höhe solltest du immer wieder überprüfen, ob du genug stützt. Wenn dein Alphorn beim hoch oder laut Spielen unsicher klingt, liegt das möglicherweise an der fehlenden Stütze. Indem du deine Stütze systematisch aktivierst, entwickeln sich die beteiligten Muskeln von selber.

Weiterführende Informationen

Höhepunkte

Man könnte sich lange über den Zusammenhang zwischen Tonhöhe, Kirchtürmen, Kanonen und Männerfantasien auslassen. Tatsache bleibt, dass hohe Töne in unserer Kultur mit Höhepunkten assoziiert werden und diese phallische Ästhetik auch in der Alphornmusik verbreitet ist. Sei es in der Interpretation oder schon in den Noten, oft begegnen wir einem deutlichen Crescendo in die Höhe. Illustrierend hier der Anfang des Stückes „Am Brienzersee“ von Ulrich Mosimann (notiert von Alfred Leonz Gassmann); hier führt eine Steigerung des Anfangsmotivs direkt in ein fortissimo g2.

Anfangsstelle aus „Am Brienzersee“

Auf dem Alphorn musst du dich entscheiden, wie du mit dieser kulturellen Erwartung umgehst. Hierzu zwei Salzkörner:

  • Diese dynamische Gestaltung entspricht wohl kaum der historischen Aufführungspraxis der Sennen. Vielmehr wurde sie erst im 19. Jahrhundert durch professionelle Trompeter auf das Alphorn übertragen (der erste professionelle Alphornlehrer, Ferdinand Fürchtegott Huber, hatte zuvor als Trompeter in einer Oper gearbeitet).
  • Das Alphorn hat einen völlig anderen Klang als die Trompete. Das siehst du unten in der Grafik mit dem Obertonspektrum von Alphorn und Trompete. Im Gegensatz zur Trompete verliert das Alphorn in der Höhe Obertöne (die rote Linie fällt im Vergleich zur blauen Linie) – es klingt flach. Du kannst darum mit hohen Tönen gar nicht dieselbe Wirkung erzielen – du kommst flach heraus.
Obertonspektrum Alphorn und Trompete (normiert auf den gespielten Ton)

Es steht dir frei, genau das Gegenteil zu machen: Spiele in der Höhe fein und in der Tiefe voluminös. Damit machst du dir nicht nur das Leben einfacher (du sparst Kraft), sondern erzielst auch eine ganz andere Wirkung. Höhepunkte lassen sich auch leise setzten, nämlich indem du ganz kurz einhältst, bevor der lyrische, sanfte, feine hohe Ton erklingt.

Trampolin

Ziel der Übung: Mit Leichtigkeit in die Höhe.

Um dir anzugewöhnen, die Höhe ohne Kraft zu erklimmen, kannst du gezielt mit der „Trampolin-Technik“ trainieren. Nimm dazu wiederum eine beliebige Übung aus Workout für Alphorn und Büchel. Gut eignet sich z.B. #26; hier für den Bereich d2 bis g2:

Das Herz der Übung sind die Sprünge (im Beispiel von d2 in die Höhe): Betone den Akzent, als würdest du mit dem Ton auf ein Trampolin springen und von da in den oberen Ton katapultiert. Die hohen Töne bekommen dabei ihre Energie von unten; quasi wie ein Nebenprodukt des vorhergehenden, tiefen Tones. Am besten spielst du die Übung legato (gebunden), langsam und präzise im Metrum. Natürlich kannst du auch einen bestimmten Teil davon herausnehmen und in Gruppen wiederholen:

Versuche auch, diese Technik beim Einstudieren neuer Stücke einzubauen und höre auf die Wirkung.

Training auf halber Höhe

Ziel der Übung: Deine Ausdauer für das Spiel in der Höhe locker trainieren.

Höhe ist auch ein Ausdauer-Thema. Manchmal kommst du nach dem Warm-Up gleich sehr hoch, 10 Minuten später bleibst du zwei Töne darunter stecken.

MarathonläuferInnen werden dir zum Aufbau der Kondition folgenden Ratschlag geben: lang bei tiefer Pulsfrequenz trainieren. Übertragen auf das Alphorn bedeutet dies: längere Zeit zwei Töne unter der maximalen Tonhöhe trainieren. Wenn du beispielsweise am g2 arbeitest, spiele zum Abschluss deiner Übungseinheit jeden zweiten Tag etwa 10 Minuten intensiv im Bereich d2-e2. Und wie beim Marathon gilt: Lockerheit, kein Pressen, Fokus auf saubere Bewegungsabläufe.

Natürlich kannst du dieses Ausdauertraining auch in das Einstudieren (ein Stück, mit entsprechender Höhe) oder das lustvolle Spiel (beispielsweise eine Impro, in der jede zweite Note ein d2 oder e2 ist….) einbauen.