Atemstütze – eine Entdeckungsreise

In diesem Artikel setzen wir uns mit der „Physiologie der Atmung“ auseinander. Dazu werde ich dich auf eine Entdeckungsreise mit dem Alphorn einladen. Zuerst jedoch ein bisschen Theorie: Wir können uns den Atemapparat als einen Luftsack vorstellen. Während der Ausatmung wird er von verschiedenen Seiten zusammengedrückt. Durch die Kompression steigt der Luftdruck. Dieser (Über)druck muss präsize dosiert werden. Sänger/innen benötigen etwa 3-20 Millibar (je lauter, umso mehr). Trompeter 40 bis 150 Millibar. Für Alphornspieler dürfte der Wert irgendwo dazwischen liegen; 20 bis 80 Millibar? Das ist beachtlich, aber nicht brachial. Zum Vergleich: um einen Luftballon aufzublasen braucht es rund 200 Millibar. Alphornspielen benötigt keine rohe Kraft.

Öffnet sich das Ventil, beginnt die Musik: Luft fliesst aus dem Sack und generiert im Vorbeigehen Vibrationen. Um den Druck aufrecht zu erhalten, muss der Luftsack nun durch ein feines Zusammenspiel aller beteiligten Muskeln stetig und präzise weiter komprimiert werden. Es geht um eine Bewegung – die kontinuierliche Begleitung des Luftflusses durch Kontraktion (Verkleinerung des Volumens). Folgende Muskelgruppen sind an der Kontraktion beteiligt:

Schematische Darstellung der wichtigsten Atem- und Atemhilfsmuskeln

Oben werden die Lungen (unser Luftsack, im Bild hellblau) durch die Rippen eingeschränkt. Dieses Korsett ist vergleichsweise rigide; es gibt eine Zwischenrippenmuskulatur, bestehend aus äusseren Muskeln (welche beim Einatmen die Raum öffnen) und inneren Muskeln (welche beim Ausatmen den Rippenkäfig komprimieren, #1 im Bild oben). Auch die Brustmuskulatur unterstützt die Ausatmung. Unten liegt der Luftsack auf dem Zwerchfell (#2, gelb). Dieses zieht sich beim Einatmen nach unten zusammen und vergrössert damit den Platz. Beim Ausatmen wölbt sich das Zwerchfell wieder nach oben. Dabei entspannt sich der Muskel – das bedeutet, dass das Zwerchfell selbst nicht zur Ausatmung beiträgt. Vielmehr löst der Druck im Bauchraum (intraabdomineller Druck) die Bewegung aus. Dieser Druck entsteht aus dem Zusammenspiel der Muskeln, welche die Organe des Bauchraums umschliessen, vorallem die Bauchmuskulatur (#5), die seitlichen Bauchmuskeln (#4), Rückenmuskeln (#3) und Beckenboden (#6). Der Beckenboden besteht aus mehreren Muskeln und Schichten; hier ein Video, das die zentrale Rolle des Beckenbodens zeigt.

Die zentrale Frage der Atemtechnik lautet somit: durch welche Bewegungsabläufe erreichen wir eine stetige, kraftvolle und fein dosierte Kontraktion? Standard-Antwort: die Atemstütze, bla bla bla. Tatsächlich gibt es zahlreiche Abhandlungen und Kapitel in Lehrbüchern zur Stütze, aber wissenschaftlich fundiert ist das meist nicht – widersprüchlich und unsinnig dazu. Eine KI-Recherche über die Atemtechnik, beispielsweise, rezitiert die weit verbreitete Geschichte des „antagonistischen Prinzips“. Demnach sollten bei der Ausatmung Muskeln gegeneinander arbeiten, um den Druck zu regulieren. So ein Quatsch! Das wäre nicht nur ineffizient, die Argumentation vermischt auch statischen Luftdruck und dynamischen Luftfluss. In der Praxis schafft das Konzept der Atemstütze Probleme statt sie zu lösen. Der willentliche Versuch, in die komplexen Bewegungsabläufe einzugreifen, endet meist nur in Murks und Krampf (zB: willentliches Anziehen der Bauchmuskeln führt zu Verschluss im Kehlkopf). Deshalb vermeiden viele Gesangs- und Blasinstrumentlehrer/innen inzwischen den Begriff Atemstütze.

Hier ein alternativer Ansatz: Entecke die an der Atmung beteiligten Muskeln und überlasse deinem Körper den Rest. Die Idee ist, in die Atmung hineinzufühlen. Spüre dabei ganz bewusst das Zusammenspiel zwischen Muskeln/Bewegung und Klang/Musikalität. Im folgenden ein paar Übungen mit denen du dich auf die Entdeckungsreise zum Ursprung der Alphornklänge tief in deinem Körper einlassen kannst.

1: Ertasten

Ziel dieser Übung ist, direkt mit allen an der Atmung beteiligten Muskeln in Kontakt zu treten.

Ertaste dazu mit deinen Fingern und Händen die unterschiedlichen Muskeln. Beginne mit der Rückenmuskulatur. Stütze dafür deine Hände in die Seite; der Daumen berührt den Rücken, die anderen Finger vorne den Bauch. Atme ein; merke, wie die Muskeln dabei völlig entspannt sind. Atme dann stossweise stark aus. Merkst du, wie sich die Muskeln im Rücken bei der Ausatmung anspannen? Du kannst auch Husten (der Rückenmuskel wird manchmal „Hustenmuskel“ genannt). Versuche auch, die Muskeln unabhängig von der Atmung anzupannen und wieder zu entpannen. Bewege deine Hände nun nach vorne und wiederhole die Übung mit den seitlichen Bauchmuskeln und der vorderen Bauchmuskulatur. Für die seitliche Bauchmuskulatur, kannst du mit den Fingern unter die unterste Rippe greifen. Für den Beckenboden kannst du die Muskeln zwischen deinen Beinen ertasten. Lege Mittel- und Ringfinger auf das Perineum und atme wieder stossweise aus oder huste. Versuche, den Beckenboden beim Ausatmen bewusst anzuziehen. Du kannst mit deinen Fingern auch differenziert weitere Muskeln im Beckenboden ertasten. Widme dich dann der Brustmuskulatur. Lege sanft beide Hände auf dein Brustbein und fühle, wie sich die darunter liegenden Muskeln beim Ausatmen kontrahieren.

2: Tiefenatmung

Ziel dieser Übung ist die Aktivierung der Zwerchfellatmung. Sie ist die Basis des entspannten Alphornblasens. Wer noch inbrünstig mit der Brustatmung ins Alphorn drückt, sollte sich zuerst in meinem Grundkurs hier schlau machen.

Ein Ton aus der Tiefe ist eine wunderbare Entdeckungreise für sich. Stehe entspannt, atme vollständig aus; lasse dann die Luft in deinen Bauch strömen; warte einen kurzen Moment und setzte dann zum Ton auf dem Alphorn an. Fokussiere dich vollständig auf die Qualität des Klangs. Spüre, wie der Luftfluss aus deiner Körpermitte den Klang formt. Wiederhole. Fühle in dich hinein, welche Muskeln den Luftfluss begleiten. Bleibe dabei weich und locker. Versuche, den Luftfluss mit den unterschiedlichen Muskelgruppen aktiv zu begleiten und höre dabei immer genau auf den Klang. Du kannst auch wieder deine Hände / Finger auf die entsprechenden Muskeln legen. Wie verändert sich der Klang, wenn du den Luftfluss mit den unterschiedlichen Muskelgruppen begleitest? Beobachte aufmerksam, wie bei einem langen Ton die Spannung stetig zunimmt.

3: Phrasen

Ziel dieser Übung ist die Verbindung der Atmungsbewegung mit musikalischem Ausdruck. Beginne mit einer ganz kurzen Phrase. Versuche die Phrase wie ein kleines Musikstück mit eleganter Dynamik (laut-leise) und Agogik (schnell-langsamer) zu spielen – du kannst, aber musst nicht, dich an die Vorgabe in der Notation halten. Wiederhole und setze nun zuerst deinen Beckenboden begleitend zur Dynamik ein (drücke mit dem Beckenboden in den Anfangsimpuls oder das crescendo/decrescendo); beobachte den Effekt auf Klang und Ausdruck. Wenn es dir hilft, lege wieder die Finger auf das Perineum, um die Spannung im Beckenboden wahrzunehmen. Mache dasselbe mit den Flanken und Bauchmuskeln.

Wechsle dann zu einer längeren Phrase. Beobachte, wie die unterschiedlichen Atemmuskeln diese längere Veränderung der Dynamik begleiten und wie sich dadurch Ausdruck und Klang verändern.

Erlaube dir Abweichungen von der starren Alphornbläserpose; halte beispielsweise das Horn nur mit einer Hand und begleite mit der anderen Hand gestisch (zB mit einer runden Bewegung) die Phrase. Beobachte dabei genau, wie dies deine Atembewegung und die Musikalität beeinflusst. Versuche dann, denselben Effekt ohne Gestik zu reproduzieren.

4: Perpetum mobile

Ziel dieser Übung ist ein langer und stetiger Luftfluss. Nehme dazu die kürzestes Phrase oben und spiele sie ohne Zwischenatmung 20x am Stück durch. Das ganze sollte eine sanfte Bewegung sein, idealerweise als kontinuierliches decrescendo. Fühle dabei aufmerksam in deine unterschiedlichen Atemmuskeln (wenn es dir hilft, auch wieder mit aufgelegten Händen oder Fingern). Wie verändert sich der Bogen, wenn du die Dynamik mit den Flankenmuskeln / Beckenboden / Bauchmuskeln begleitest? Achte vorallem darauf, dass der Klang bis zur letzten Wiederholung rund und schön bleibt.

Du wirst feststellen, dass dieser lange Bogen am besten mit einer maximal entspannten Zwerchfellatmung gelingt (wenn du dich auf die Brustatmung konzentrierst, wird dir sehr schnell die Luft ausgehen und der Klang wirkt gepresst).

5: Smorzando

Ziel dieser Übung ist die Kontrolle eines ganz, ganz feinen Luftflusses. Blase einen schönen Ton an, halte ihn und werde langsam immer leiser (decrescendo). Nähere dich extrem langsam aber stetig einem piano pianissimo. Irgendwann stirbt der Ton ab; blase den feinen Luftfluss weiter, bis dir die Luft ausgeht (idealerweise fliesst die Luft kontinuierlich weiter, nur der Ton stirbt). Beobachte dabei aufmerksam die einzelnen Muskelgruppen, wie sie den sterbenden Ton sanft begleiten.

Halte die Spannung bewusst bis zum Schluss. Du wirst feststellen, dass die Atemmuskeln eben nicht nur dazu dienen, hoch und laut zu spielen, sondern auch – oder vorallem – um den Klang zu formen.

6: Intervalltraining

Ziel dieser Übung ist, mit Hilfe der Atemmuskulatur grössere Tonsprünge rund und anstrengungslos zu blasen. Folge dabei einem Modell wie unten (selbstverständlich kannst du einen anderen Ausgangston und andere Intervalle wählen).

Arbeite zuerst nur am anstrengungslosen Fluss. Beginne mit kleinen Intervallen und steigere so lange, wie die Übergänge reibungslos klappen. Irgendwo wird es schwierig; bleibe in dieser Gegend. Versuche nun bewusst, die unterschiedlichen Muskelgruppen in der Aufwärtsbewegung einzusetzen. Beginne beispielsweise damit, jeder Aufwärtsbewegung mit dem Beckenbodenmuskeln sanft zu unterstützen (lege wieder zwei Finger auf den Beckenboden, wenn es dir hilft). Wichtig ist, dabei sanft und musikalisch zu bleiben – achte auf einen schönen Klang und weiche Übergänge. Versuche bewusst, die Kraft jeweils schon in den tiefen Ton der Bewegung zu setzen (wie notiert) – die Bindung nach oben geht dann mühelos; presse nicht das Legato nach oben.

Versuche dann, die Phrasen mit Dynamik und Agogik zu begleiten. Du kannst die Angaben in der Notation oben befolgen, mit accelerandeo / crescendo, dann riterdando / decrescendo. Oder du findest deinen eigenen Ausdruck. Begleite die Ausdruck-Elemente ganz bewusst mit deinen Atemmuskeln. Spürst du, wie der Ausdruck aus deinem Körper fliesst?

7: Bauchzwicker

Ziel dieser Übung ist, die Atemmuskulatur präzise und knackig einzusetzen. Passend dazu sind Gsätzli aus dem Muotathal. Unten ein Auszug aus einem Stück von Hans Kännel.

Spiele alles legato, aber setze klare Akzente auf jede Note indem du jede Note andrückst (einen Zwick aus dem Bauch gibst). Versuche, frech und knackig zu spielen. Leicht. Setze dazu die unterschiedlichen Atemmuskeln ein. Mach dasselbe mit deinen eigenen Noten.

Mein persönlicher Reisebericht

Ausgangspunkt für meine Auseinandersetzung mit der Physiologie des Atmens war ein intensives Gespräch mit einer Professoring für Functional Voice Training. Sie hat mir erklärt, wie sich Opernsänger/innen gezielt physiologische Kenntnisse zu Nutzen machen, um mit ihren Stimmen ganze Konzertsääle zum Vibrieren zu bringen. Ich wollte mir diese Ideen in den Wintermonaten für das Alphorn aneignen und habe stundenlang experimentiert. Es ging mir dabei zuerst um entspannte Höhe auf dem Büchel, also Kraft. Aber bald verschob sich mein Fokus auf organische Bewegungen, feine Kontrolle und Ausdruck. Statt im Body Building landete ich im Tanz. Später bemerkte ich, dass die oben beschriebene Entdeckungsreise viele Parallelen zu etablierten Schulen aufweist: zur Alexander-Technik, der Feldenkrais-Methode und vorallem der Resonanzlehre.

Inzwischen sind die Übungen oben ein fixer Bestandteil meines täglichen Trainings. Aktuell verwende ich rund 1/3 meiner Übungszeit darauf. Mein subjektiver Eindruck ist, dass mir die Übungen helfen, die Musikalität tief im Körper zu verwurzeln; mein Spiel ist flüssiger und weicher geworden. Nebenbei habe ich auf dem Büchel eine halbe Oktave gewonnen.

Und noch ein Hinweis: der Beckenboden! Viele Alphornbläser/innen befinden sich im fortgeschrittenen Alter. Google mal die Auswirkungen eines geschwächten Beckenbodens. Tägliches Üben auf dem Alphorn hält jung.

Weitergehende Informationen

  • Hier ein Anatomie-Modell in 3D, das zeigt, wie Atmung funktioniert
  • Robert Kreutzer taucht bei Google-Suchen zu Atemtechnik prominent auf. Er kämpft seit Jahren gegen alte Zöpfe. Seine Bücher sind für meinen Geschmack etwas dünn für den Preis, aber in seiner Kritik an den hergebrachten Lehrmethoden hat er trotzdem recht.
  • Hier ein wissenschaftlicher Artikel von 2018, der versucht, das aktuelle Wissen über die Atmung aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringen. Er zeigt vorallem, wie rudimentär unser wissenschaftlich gesichertes Wissen ist.
  • Die Hochschule Luzern hat eine ganze Sammlung von Lehrmeinungen über die Atemtechnik zusammengestellt.

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