Lektion 10 – Grenzerfahrungen

Wenn du Lektionen 1-9 durchgearbeitet hast, gibt es eigentlich „nichts Neues“ mehr zu lernen. Auf deiner Reise mit dem Alphorn wiederholen sich nun die bekannten Themen: Körperhaltung, Atmung, Ansatz, Zunge, Ausdauer & Kraft, Beweglichkeit, Präzision, Musikalität. Man spricht manchmal vom spiralförmigen Lernen – du kommst weiter. indem du die selben Fragen immer wieder angehst und vertiefst. Willkommen in der Spirale! Trotzdem möchte ich dir auch noch ein paar neue Ideen mit auf den Weg geben.

Vor Publikum spielen

Für sich alleine zu spielen mag eine erfüllende Erfahrung zu sein. Aber irgendwann hören dir unweigerlich andere Leute zu – andere Mitglieder bei der Probe in der Gruppe, dein Partner im Nebenzimmer, Wandergrüppchen oder PassantInnen beim Spiel draussen, die Videokamera und die weite Welt bei der Aufnahme, die Jury beim Wettblasen… Publikum ist ein neues (störendes?) Element in der intimen Beziehung zwischen dir und deinem Alphorn.

Vor Publikum funktioniert möglicherweise vieles nicht mehr, was sonst problemlos klappt. Du triffst die Töne nicht mehr, kommst nicht mehr in die Höhe, das Alphorn kling scheusslich, Dynamik und Tempo sind unkontrolliert. Vielleicht bist du nervös und verkrampfst, hast Herzrasen und Mühe mit der Atmung. Vielleicht läuft in deinem Kopf ein Film, wo sich alle über deinen peinlichen Auftritt lustig machen. Und dann verlierst du mitten im Vortrag den Faden. Hier ein paar Tips, wie das Lampenfieber überwindest und dein Spiel vor Publikum gelingt:

  • Sicherheitsmarge. Meist gefällt uns das neuste Stück in unserem Repertoire am besten. Du hast im Flow geübt, die schwierigen Passagen klappen – welche Befriedigung! Bloss, unter Lampenfieber wird aus dem herausfordernden Stück schnell ein überforderndes Stück. Bleibe deshalb beim Vortrag zwei Stufen unter deinem aktuellen Niveau. Das Stück sollte höchstens bis zwei Töne unter die Obergrenze deines Tonumfangs reichen. Verstecke dich in einer Gruppe erst einmal in der zweiten Stimme. Dein Ziel ist ja nicht, dem Publikum alles zu zeigen, was du so drauf hast. Von Kato Havas auf den Punkt gebracht: Musik spielen ist nie schwierig – es ist entweder einfach oder unmöglich (Playing is never difficult; it is either easy, or it is impossible.)
  • Vorbereitung. Studiere vor einem Vortrag deine Stücke gründlich ein. Hilfreich sind Stichworte in deinen Noten (siehe den Abschnitt zum Einstudieren in Lektion 5), die du beim Einstudieren verinnerlichst. Damit hast du beim Vortrag eine Landkarte im Kopf, die dich auf dem Weg hält und deiner Interpretation eine sichere Richtung vorgibt.
  • Haltung, Atmung, Lippendruck, Zunge. Lege nicht verkrampft und ausser Atem los! Gehe vor dem ersten Ton nochmals in dich: Nimm eine entspannte Haltung ein. Atme tief mit dem Zwerchfell (falls nötig mehrmals entspannt ein- und ausatmen). Lege das Horn mit zwei Fingern sanft auf die Lippen. Positioniere die Zungenspitze hinter die untere Zahnreihe. Dann lässt du die Luft in deinen Körper strömen und hauchst in dein Horn.
  • Zen. Der Kopf ist bei einem Vortrag zentral. Schaue dir nicht selbst mit einem kritischen Blick zu, sondern konzentriere dich voll und ganz auf dein Stück. Es gibt kein Publikum! Spiele so wie du zuhause geübt hast. Nimm dir dazu Zeit. Lass die Pausen zu. Höre am Ende des Stücks wie der Ton ausklingt – die Sekunden nach dem letzten Ton sind der intensivste Moment des Stücks! Erst später nimmst du das Alphorn von den Lippen.

Trotz all der Schwierigkeiten: das Publikum gibt dir auch viel zurück. Ein Ständchen bei einem Geburtstag oder einer Hochzeit, bei einen Quartierfest, vor einem Altersheim oder sonstigen Veranstaltung stösst garantiert auf Sympathie – sofern es nicht zu lange dauert (!!!). Vielleicht weckst du romantisierende Bilder? Ich bin immer wieder überrascht, wie sich die Leute (auch Junge und Links-Alternative) einfach über das Alphorn freuen und sehr, sehr, sehr grosszügig über musikalische Patzer hinweghören. Das gilt besonders beim Spiel in der Natur. Oft werden dir Wanderer dankend sagen, der Klang deines Alphorns hätte sie den Berg hinaufgetragen. Ausländische TouristInnen lieben Alphörner, und bevor du dich versiehst gehst du auf Youtube viral.

Büchel

Nach einiger Zeit mit dem (langen) Alphorn bietet sich der Büchel als natürliche Ergänzung an. Falls du dich darauf einlässt, stellst du als erstes fest, dass dir der Büchel viel mehr abverlangt als dein gewohntes Instrument. Eine Daumenregel lautet, dass 10 Minuten Training auf dem Büchel etwas 30 Minuten auf dem Alphorn entsprechen. Es braucht etwa ein Jahr, bis du auf dem Büchel einen schönen Ton hinkriegst und dieselbe Höhe wie auf dem Alphorn erreichst. Immerhin kannst du alles, was du dir am Büchel antrainierst, direkt auf das Alphorn übertragen (wer beides spielt, trainiert fast nur noch auf dem Büchel).

Ob C- oder B-Büchel (As-Büchel finde ich unnötig, da kannst du gerade so gut auf dem Ges-Horn bleiben), oder welchen Stil du spielen möchtest, ist Geschmacksache. Ich bin grosser Fan der Muotathaler Gsätzli.

Weiterführende Informationen

  • Die „Büchelbox“ von Balthasar Streiff und Yannick Wey ist das neue Evangelium der Büchelspieler. In den zwei bisher verfügbaren Bänden findest du viel Notenmaterial aus unterschiedlichen Regionen sowie ausführliche Hintergrundinformationen über Büchel, Wurzhorn, Trembita und Lure.
  • Jonas Wolfisberg (2016). Der Büchel – Maturaarbeit vermittelt einen guten Überblick mit zahlreichen Fotos.
  • Eine Alternative zum Büchel ist die norwegische Neverlure. Sie gleicht dem Stockbüchel und wird wie die original Muotathaler Büchel mit Birkenrinde umwickelt. Je nach Stimmung ist die Neverlure um 1.4m lang und lässt sich bis etwa zum zehnten Naturton (e“) spielen. Leider ist der letzte Hersteller von norwegischen Neverluren, Magnar Storbækken, 2022 verstorben (falls du eine neue Bezugsquelle kennst, melde dich bitte bei mir).
  • Das Clairon ist eine militärische Signaltrompete. Ihr englischer Name „Bugle“ klingt verdächtig ähnlich wie Büchel. Die US Streitkräfte (und nostalgische Re-Enactors) pflegen mit Inbrunst ihre Tradition von Bugle Calls, siehe z.B. hier, hier und hier. Noch etwas genereller zu militärischen Signaltrompeten, das Video hier.

Zirkularatmung und Didgeridoo

Für Alphornbläser/innen ist das Didgeridoo ein wunderbar effektives Traininsinstrument für die Zunge und zur Verbesserung der Lockerheit im Spiel. Damit eignet sie sich auch gut für das Warm-Up.

Zum Didgeridoo gehört natürlich die Zirkularatmung. Natürlich kannst du diese auch direkt auf dem Alphorn lernen. Das Didgeridoo macht aber einfach Spass – vielleicht weil sein Hippie-Image so schön mit dem konservativen Alphorn kontrastiert.

Zum Erlernen der Zirkularatmung gibt es unzählige Anleitungen auf Youtube. Ich habe sie mit diesem Video gelernt; die Methode ist relativ einfach:

  • „Kaue“ zuerst die Luft in deinem Mund. Drücke sie von einer Backe in die andere. Nimm dabei die komprimierte Luft als amorphe Masse wahr, ähnlich wie eine Flüssigkeit.
  • Fülle deinen Mund mit Wasser. Bilde mit den Lippen den Alphorn-Ansatz. Drücke nun mit deinen Wangen oder der Zunge langsam das Wasser durch die Lippen. Wiederhole diesen Vorgang; versuche nun dabei, gleichzeitig durch die Nase ein- und auszuatmen.
  • Setze die beiden Elemente zusammen: statt Wasser drückst du nun komprimierte Luft durch deine Lippen. Buzze! Während Wangenmuskel oder Zunge die Luft aus dem Mund drücken, atmest du durch die Nase in die Lunge.
  • Erweitere die Atmung zu einem Zyklus: Irgendwann haben Wangenmuskel oder Zunge alle Luft aus dem Mund gedrückt. Kurz davor öffnest du das Ventil im Hals und schiebst die Luft aus der Lunge in den Mund. Halte dabei den Fluss von komprimierte Luft durch die Lippen aufrecht – keep buzzing! Dieser Schritt gelingt nicht sofort. Am Anfang bricht der Luftstrom in jedem Zyklus kurz ab. Es braucht Übung – rechne mit etwa 20 Stunden, bis du das kontinuierliche Buzzing hinkriegst.
  • Schliesslich überträgst du die Zirkularatmung auf das Instrument. Von hier kannst du steigern: versuche vermehrt die Zunge statt die Wangenmuskeln zu verwenden. Auf dem Didge kannst du lernen, die Klangfarbe und Obertöne durch unterschiedliche Zungenformen zu verändern oder rhythmische Muster einstudieren. Auf dem Alphorn kannst du zudem die Zirkularatmung auf verschiedenen Tonhöhen zu üben.

Weiterführende Informationen

  • In diesem Blogpost zeige ich dir, wie du aus Sanitärröhren vom Baumarkt ein billiges Didgeridoo mit sattem Bass bastelst. Als günstiges und mobiles Didge kann ich dir das Airdidge empfehlen.
  • In Bern experimentiert eine Szene rund um die Pioniere Willi Grimm und Res Margot seit längerem mit der Kombination von Alphorn und Didgeridoo; hier ein Video aus dem Klangkeller.

Singen und Blasen

Wenn du beim Alphornspielen gleichzeitig ins Rohr singst, entstehen spannende Klänge und Schwebungen (hier meine Interpretation von Stille Nacht; hier eine Demonstration einschliesslich Obertöne von Balthasar Streiff). Es gibt auch ein paar wenige Noten (z.B. das Stück Rucola Rif von William Hopson, publiziert in der Sammlung Arioso; hier mein Arrangement für Luegid vo Bärg und Tal). Auch wenn du eher nicht öffentlich ins Horn singen möchtest, ist es eine gute Übung für deine Klangkultur.

Am einfachsten beginnst du mit einem fixen, relativ tiefen Ton auf dem Alphorn und singst dazu passende Obertöne. Versuche, in den Ton des Alphorns hineinzusingen. Wenn die Intonation stimmt, verschmelzen die beiden Töne zu einem vollen Klang. Durch leichte Veränderung der gesungenen Tonhöhe entsteht eine Schwebung – der Klang „eiert“; je grösser die Differenz in der Tonhöhe, umso höher die Frequenz der Schwebung. Etwas schwieriger ist es, auf dem Alphorn eine Melodie zu spielen und gleichzeitig einen fixen Ton zu singen. Du kannst auch mit der Klangfarbe experimentieren, indem du die Zungenform veränderst oder unterschiedliche Vokale – u-ü, o-ö, a-ä-e-i – ins Horn singst.

Die Zehn Gebote

In seinem Alphornbüechli von 1938 hat Alfred Leonz Gassmann einen Katechismus für AlphornbläserInnen verfasst, der bis heute gerne zitiert wird. Hier das Original:

aus: Alfred Leonz Gassmann (1938). S’Alphornbüechli – Blast mir das Alphorn noch einmal.

Gassmanns Pathos ist unschlagbar vintage! Das Narrativ der geistigen Landesverteidigung hat allerdings das Verfallsdatum überschritten und ist für aufgeklärte Zeitgenoss/innen schwer verdaulich. Darum hier – quasi als Schlusswort – mein Versuch einer demilitarisierten Version:

  1. Das Alphorn folgt der Natur und sträubt sich gegen künstliche Systeme. Du kannst die Gesetze der Physik nicht wegblasen.
  2. Musik ist frei! Spiele auf deinem Alphorn was, wie und wo es dir gefällt. Lass dir von keinem Bünzli vorschreiben, wie du zu tönen und dich zu kleiden hast.
  3. Interessiere dich für Geschichte und Tradition deines Instruments. Getraue dich aber auch, deine eigenen Melodien zu spielen – du darfst!
  4. Bleibe locker und entspannt. Nicht dein Testosteron, sondern dein Atemfluss bringt das Alphorn zum klingen.
  5. Sei sanft zu deinem Instrument – das Alphorn ist keine Hellebarde! Zermalme deine Lippen nicht, sonst quietscht dein Horn wie eine Bade-Ente.
  6. Stehe im Gleichgewicht und atme tief. Wenn du so in dein Instrument hauchst, fliesst die Musik aus deinem Innersten.
  7. Lege deine wahren Gefühle in die Musik. Ertränke sie nicht mit falschem Pathos.
  8. Übe täglich und mit einem klaren Ziel vor Augen. Die Zeit mit deinem Instrument ist wertvoll, verschwende sie nicht. Bleibe konzentriert und frisch, nur so kommst du in den Flow.
  9. Mache dich auf die Suche nach Echo und Wiederhall – du findest sie nicht nur in den Bergen. So lässt dich das Alphorn die Welt mit neuen Ohren hören.
  10. Fürchte dich nicht davor, was andere von deinem Spiel denken mögen. Nimm das Publikum mit auf deine Reise, doch lass dein Ego zurück. So entdeckt ihr gemeinsam die Seele deiner Klänge.