Im Klang des Alphorns liegt Ruhe, Weite und Tiefe. Diese Ruhe und Weite kann beim Spielen leider schnell in Anstrengung und Enge kippen. Der Ton spricht nicht an, die Höhe fehlt, das flinke und saubere Wechseln zwischen Tönen gelingt nicht oder der Klang trägt nicht so weit wie gewünscht. Anstatt ruhig zu bleiben und der Herausforderung durchdacht zu begegnen, strengen wir uns meistens mehr an und schränken dabei auch die Atmung ein.
Im ersten Moment erreichen wir so vielleicht sogar unser angestrebtes Ziel. Oft geht das eine Weile gut. Früher oder später überschatten die unerwünschten Begleiterscheinungen aber die Freude am Musizieren: Verspannung, Schmerzen, Frust etc. sind mögliche Beschwerden.
Der AlexanderTechnik habe ich mich auf dem zweiten Ausbildungsweg zugewandt. Ursprünglich studierte ich Saxophon. Ich hatte während dem Studium vermehrt starke Schmerzen in Schultern, Nacken und Kopf. Diese Schmerzen hielten mich manchmal Tage vom Üben ab. Ich habe diverse Medikamente und Therapien ausprobiert, bis ich dann das Glück hatte, die AlexanderTechnik kennenzulernen. Erst die AlexanderTechnik liess mich erleben und verstehen, wie mein körperliches Erleben und Handeln mit meinen Gedanken und Gefühlen zusammenhängt. Ich fand heraus, dass meine Spannungsschmerzen keine körperliche Ursache hatten, sondern Symptom war. Die Ursache war mentaler Natur. Ich glaubte nämlich, meinem Umfeld beweisen zu müssen, dass ich zu Recht an der Hochschule studieren darf. Ich übte deshalb verbissen, viel und gönnte mir kaum Pausen. Anstrengung und Anspannung waren normal. Die Leitsätze „Ohne Fleiss keinen Preis.“ oder „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ waren gut in mir verankert. Durch die AlexanderTechnik realisierte ich, dass ich mir mit dieser Einstellung grosse Steine in den Weg legte. Und ich machte die Erfahrung, dass ich eine Möglichkeit habe, mit mehr Wohlbefinden zu üben. Ich änderte darauf hin schrittweise den Umgang mit mir, meinen Gedanken und dem Instrument.
Im Zusammenhang mit meinem Instrument war ich die Schmerzen bald los und ich konnte mich wieder ganz der Musik widmen. Ich fühlte mich gut und die AlexanderTechnik trat in den Hintergrund, bis ich nach einigen Jahren als Musiklehrer nach einem weiteren Betätigungsfeld Ausschau hielt. Und so bin ich heute auch AlexanderTechnik-Lehrer und -Therapeut. Mein Beispiel soll zeigen, wie wir als Wesen körperlich, mental und emotional zusammenhängen und dass Beschwerden über Umwege zur Auflösung gelangen können.
Wir wünschen uns alle den Idealfall, bei dem sich das Instrument mit Leichtigkeit, klangvoll und mit sauberer Ansprache spielt. Der Idealfall trifft leider in den meisten Fällen nicht ein. Spielt jemand trotzdem mit Leichtigkeit und Virtuosität sprechen wir gerne von einem Naturtalent. Eine unverkrampfte Herangehensweise sollte aber niemandem vorenthalten sein.
Für die meisten ist es normal, dass sie sich stärker bemühen, sich mehr anstrengen, wenn etwas nicht wie gewünscht läuft. Der Haken der Sache: Mit den Bemühungen und Anstrengungen spannen wir unsere Muskeln mehr an, als es nötig wäre für das Spielen eines Alphorns. Wir ziehen die Schultern hoch, schieben den Kopf nach vorne, runzeln die Stirn, drücken die Beine durch. Die Liste ist lang – und von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Box: Erfahrungsbericht von Mary Archer *
Ich träume wahrscheinlich nicht alleine davon, das Alphorn so schön zu spielen, dass die Menschen innehalten, zuhören und für einen Moment das Gefühl haben, der Weltfrieden sei zum Greifen nah. Die pastoralen Wurzeln des Alphorns scheinen wie geschaffen dafür, ein Gefühl der Ruhe und des Staunens zu vermitteln. Dann holt mich die Realität ein: Der Klang, den mein Horn von sich gibt, spiegelt wider, dass mein Körper angespannt ist und mein Geist von einem selbstkritischen Geschwätz beherrscht wird.
Vor vier Monaten begann ich mit wöchentlichen Alexander-Technik-Stunden bei einem Lehrer, der auch Musiker ist. In dieser Zeit habe ich bereits Veränderungen festgestellt, die meiner Meinung nach einen grossen Unterschied in meinem Spiel bewirkt haben – insbesondere die Kernidee, Kopf und Nacken zu befreien. Anstatt beispielsweise meinen Kopf zum Alphorn zu bringen – ich war mir nicht einmal bewusst, dass ich das so tat – bringe ich nun das Alphorn zu meinem Kopf. Dadurch öffnet sich bereits der Klang. Ausserdem habe ich gelernt, meinen Rücken bewusst zu weiten und meine Haltung anzupassen, um eine weniger eingeschränkte Atmung zu ermöglichen. Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Hornspielen ist es, den Kiefer zu entspannen – oft mit Hilfe des sogenannten „geflüsterten Ah“. Und schliesslich habe ich gelernt, wie wichtig es ist, mich nicht durch Unbehagen hindurchzuquälen. Wenn ich mich nicht bereit zum Spielen fühle, mache ich eine Pause, achte genauer hin und nutze das, was ich von meinem Lehrer gelernt habe, um Korrekturen vorzunehmen. Manches davon mag offensichtlich erscheinen, aber wenn man angestrengt ein entspanntes Spiel sucht, denkt man nicht an solche Feinheiten.
Ich habe gelernt, mir beim Spielen zusätzliche Freiheiten zu nehmen, um zu experimentieren, zu reflektieren und die Alexander-Technik auch auf andere Bereiche meines Lebens wirken zu lassen. Das Ergebnis ist, dass ich mehr Frieden mit mir selbst gefunden habe, und vielleicht trägt das ja doch zum Weltfrieden bei.
* Mary Archer lebt und arbeitet in der San Francisco Bay Area. Sie spielt seit über 20 Jahren Waldhorn und seit drei Jahren Alphorn. Für letzteres besucht sie so oft wie möglich die Schweiz.
Wenn wir üben, üben wir eben nicht nur Alphorn spielen, sondern alle anderen Eigenheiten, die wir dabei stetig wiederholen. Noch so kleine Anstrengungen entwickeln sich zu Gewohnheiten. Muskuläre Spannung wird mit dem Spielen des Alphorns in Verbindung gebracht. Lange bleiben diese unbemerkt. So lange bis aus Anspannung Verspannung wird. Fehlhaltungen werden zur Normalität. Die natürliche Atmung wird eingeschränkt. Und der gewünschte Klang, die gewünschte Leichtigkeit haben sich immer noch nicht eingestellt. Wie denn auch?
Die AlexanderTechnik, benannt nach ihrem Entwickler Frederick Matthias Alexander, setzt bei unseren unbewussten Gewohnheiten an. Selbst wenn wir uns bewusst mit dem Erlernen eines Instruments auseinandersetzen, entwickeln wir Gewohnheiten, welche wir in erster Linie nicht zur Kenntnis nehmen. Alexander nannte dies Zielfixierung: Wir achten uns grundsätzlich nur auf die Erfüllung unserer Erwartungshaltungen. Will ich auf dem Alphorn hoch hinaus, achte ich mich vermutlich auf den Ansatz und den Luftdruck. Was hingegen meine Füsse, Beine, mein Rücken, meine Schulter usw. machen, ist mir in dem Moment nicht bewusst – oder noch schlimmer: Ich glaube, die durchgedrückten Beine und die angespannten Gesässmuskeln würden mir dabei helfen. Diese Verhaltensweisen werden ebenfalls einstudiert. Unweigerlich geht unser Hirn davon aus, dass es für einen hohen Ton Spannung in Körperbereichen braucht, die jeglicher Logik entbehren. Der hohe Ton wird mit Körperspannung assoziiert und umgekehrt.
Es gilt zu würdigen, dass wir uns diese Spielmuster hart erarbeitet haben. Ein schnelles Rezept gibt es deshalb leider nicht, um zu einer leichten Spielweise zu finden. Der Weg ist aber spannend und vielversprechend.
Die AlexanderTechnik lädt zur neugierigen Selbstbeobachtung ein, damit wir uns unseren Mustern bewusstwerden und diese wahrnehmen können. Nur was uns bewusst ist, können wir auch gezielt ändern und unterlassen.
Gewohnheiten sind immergleiche Reaktionen auf denselben Reiz. Diese Reiz-Reaktions-Muster spielen sich unmittelbar und in den allermeisten Fällen unbewusst ab. Mittels Selbstwahrnehmung und mentalen Anleitungen erzeugen wir zwischen Reiz und Reaktion eine Pause. In dieser Pause können andere Reaktionen geprüft werden. Muster, die uns einschränken, blockieren oder wehtun, können wir so lernen zu unterlassen. Nützliche Muster dürfen sich stattdessen einstellen.
Als Ergänzung zu diesem Artikel bieten wir in Zusammenarbeit mit AlexanderTechnik Mario Schenker einen Einführungsworkshop „AlexanderTechnik für Alphornbläser/innen“ am 21. September in Baden an. Zusätzliche Informationen dazu findest du hier: https://alphorninthealps.ch/at_workshop/?lang=de
Weitergehende Informationen: Sean Slatter von der Alphorn Association of North America hat zum Thema einen ausgiebigen Artikel mit seinen Erfahrungen verfasst, siehe hier.

Die Alexander Technik verfolgt auch mich.
Ich probiere immer wieder mich vom Knorz zu lösen.
Teils passt es und dann gibt es Momente da hör ich auf und gebe am schlechten Tag Schuld.
Ich eine da muss jeder daran arbeiten.
Grüß Hans
Hallo Hans, vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde die Herangehensweise mit wertungsfreiem Bewusstwerden, Unterlassen von Unerwünschtem und Anleiten von neuen Möglichkeiten immer wieder spannend. Aber die „schlechten Tage“ gibt es immer wieder. Ich mache die Erfahrung, dass gerade auch die schlechten Tage einem wieder weiterbringen. Beste Grüsse. Mario