Ein Blick hinter die Kulissen einer professionellen Hornistin
Jessica Frossard ist eine professionelle Musikerin. Mit 12 Jahren beginnt Jessica Frossard ihr Horn-Studium im Konservatorium von Fribourg. Sie fährt weiter mit ihrem Studium in der Musikhochschule von Lausanne, zuerst in der Klasse von Geneviève Huot und dann in der Klasse von Olivier Alvarez. Sie studiert auch Naturhorn in der Klasse von Olivier Darbellay. Sie bekommt ihr Lehrdiplom im Jahr 2003 und ihr Master of art dem nächsten Jahr und noch zwei Jahre später ein pädagogisches Diplom im PHS. Sie unterrichtet während mehreren Jahren in verschiedenen Hochschulen im Kanton Waadt und in der gleichen Zeit fährt sie weiter mit dem Hornstudium. Sie spielt oft in verschiedenen Orchestern und in Kammermusik-Gruppen in der ganzen Schweiz. Sie mag es auch, andere Musik als klassische Musik zu spielen, so spielt sie in Jazz, Funk, Rock, Pop, experimentellen Musik Gruppen.
Jessica ist seit Marz 2019 ein offizielles Mitglied des internationales Alphorn Ensemble: « The Alpine Sisters ». Mit diesem Ensemble, in Duett und auch als Solistin hat sie an der berühmten Festival und Internationalen Wettbewerb Nendaz Edition 2019 teilgenommen. Die Alpine Sisters, in Duett haben 1. Preis in Traditionell, Formation, und 1. Preis in Modern Wettbewerb gewonnen. Jessica hat auch in Solo, in Modern Wettbewerb, 3. Preis mit einer eigenen Komposition gewonnen.
Jessica engagiert sich als Gewerkschaftssekretärin beim Schweizerischen Musikerverband (sdam). Der SMV setzt sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Berufsmusikerinnen und -musikern ein und verteidigt die intellektuellen und materiellen Interessen seiner Mitglieder. Und das in vielerlei Hinsicht.
Alphorn spielen ist schön und macht Spass! Das ist der Grund, warum man ein Musikinstrument spielt. Wenn es nur zum Vergnügen, als Hobby, gespielt wird, sind die finanziellen Fragen persönlich und hängen direkt mit dem Budget zusammen, das man für dieses Hobby aufbringen kann.
Für mich ist die Situation oder vielmehr die Realität ganz anders: Ich bin freiberufliche Berufsmusikerin und muss von meinem Beruf leben. „Ein schöner Beruf“, werden einige sagen, „Von seiner Leidenschaft leben! Was für ein Glück!“ Und doch sind die Hintergründe dieser „Leidenschaft“ manchmal weniger glanzvoll.
Was bedeutet es, von der Musik zu leben?
Berufsmusiker/in zu sein bedeutet, ein Instrument von Kindesbeinen an zu erlernen und zu üben, viele Stunden, Wochenenden und Ferien dafür zu opfern, regelmässig für den wöchentlichen Unterricht zu arbeiten und in verschiedenen Amateurformationen Konzerte zu spielen.
Anschliessend erhält man ein Zertifikat (praktische und theoretische Prüfung), das Tor zur Aufnahme in einer Musikhochschule. Man muss also die Aufnahmeprüfung bestehen (praktische Prüfung: Vorspiel und Musiktheorieprüfung (Solfège, Harmonielehre, Geschichte und die Fähigkeit, in allen Tonarten verschiedene harmonische Kadenzen auf dem Klavier zu spielen, auch wenn Sie noch nie in Ihrem Leben Klavier gespielt haben)). Bestehen einer oder mehrerer Aufnahmeprüfungen, um einen Platz bei einem Professor oder einer Professorin an einer Musikhochschule zu erhalten (die Plätze sind manchmal auf einen einzigen begrenzt, so dass es notwendig ist, sich abzusichern und sein „Glück“ an mehreren Hochschulen zu versuchen).
Danach beginnt der Ernst des Lebens: Bachelor mit Prüfungen am Haupt- und Nebeninstrument, Musiktheorieprüfung (Musiktheorie, Harmonielehre, Analyse, Komposition/Arrangement/Orchestrierung, …), weitere praktische Prüfungen: Dirigieren, Kammermusik, grosse Besetzungen, klassische Begleitung, Jazz, Neue Musik, komplexe Improvisationen, … und dann auch noch eine umfangreiche Abschlussarbeit auf Bachelor-Niveau.
Und danach folgt ein oder mehrere Masterstudiengäng, je nach Spezifikation, mit ebenso schwierigen und umfangreichen Prüfungen…
Hinzu kommen die jahrelangen Erfahrungen in wechselndem kulturellen Umfeld, die Arbeit, um das Niveau zu halten und sich weiter zu verbessern, zu kreieren und manchmal grosse Projekte zu starten, die Hunderte von Arbeitsstunden in Anspruch nehmen.
Kurz gesagt, eine professionelle Karriere als Musiker/in wird einem nicht geschenkt. Talent macht nur einen kleinen Prozentsatz aus. Ohne langfristige Arbeit und Investitionen kann man sich nicht als „professioneller Musiker/in“ bezeichnen. Diese Tatsache wird nur allzu oft durch romantischen, lustige oder sogar kommerzielle Vorstellungen verdeckt.
Professionalität hat einen Wert, den es zu respektieren gilt. Es ist manchmal schwierig, diesen Aspekt des Berufs zu vermitteln, nicht nur den Organisatoren von Projekten, die uns beauftragen, sondern auch in Amateurkreisen.
In das Loch fallen
Als freiberufliche Berufsmusiker/innen sind wir es daher leid, den Eindruck zu haben, dass wir betteln, obwohl wir ein Hochschulstudium absolviert haben und bei anderen Berufen mit dem gleichen Ausbildungsniveau die Honorarkosten nicht in Frage gestellt werden. Bei Sanitärinstallateur/innen oder Elektriker/innen wird ja auch nicht ständig der Lohn hinterfragt. Wir sind es auch leid zu erklären, dass wir nicht jeden Tag Verpflichtungen haben, aber trotzdem jeden Tag üben müssen. Denn nur so sind wir bereit zu liefern, wenn eine Verpflichtung ansteht. Viele freiberufliche Kulturschaffende befinden sich weit unterhalb der Armutsgrenze. Die Pandemie hat diese prekäre Situation noch verschärft.
Es gibt also eine echte Kluft zwischen fest angestellten Arbeitnehmenden und Teilzeit- Beschäftigten und/oder Selbständigen. Diese Kluft ist vor allem auf die kurze Dauer der Beschäftigungsverhältnisse zurückzuführen. Deswegen erreichen viele Freelancer die Schwellenwerte für Sozialleistungen nicht.
Beispiele für Lücken im Schweizer System für Teilzeit-Beschäftigte und Selbständige:
- Verdienstausfall bei Krankheit / Taggeld: Es muss ein Vertrag mit einer Mindestdauer von drei Monaten abgeschlossen werden, damit der Arbeitgeber verpflichtet ist, den/die Musiker/in zu bezahlen, wenn er/sie krank ist. Wenn also ein/e Musiker/in für ein kurzes Projekt eingestellt wird und während dieses Projekts krank wird, wird er/sie nicht bezahlt.
- BVG: zweite Säule für das Alter (in der Schweiz reicht die erste Säule für das Alter nicht zum Leben aus): Freiberufliche Musiker/innen erreichen nicht die Schwelle von 22’680 CHF pro Jahr bei einem einzigen Arbeitgeber. Sie können ein freiwilliges BVG abschliessen, in dem alle Beiträge gesammelt werden, aber der Prozess ist kompliziert und es gibt Sackgassen.
- Der Mutterschaftsurlaub ist ein bürokratischer Aufwand, der manchmal nicht zum Erfolg führt. Eine Freiberuflerin, die mehrere Arbeitgeber hat, muss alle diese Arbeitgeber (in den letzten zwei Jahren) selbst kontaktieren und sie bitten, ein Formular auszufüllen, das das Arbeitsverhältnis bestätigt. Ausserdem muss sie mindestens 5.000 CHF pro Arbeitgeber verdient haben, damit die Berechnung ohne Schwierigkeiten erfolgen kann. Frei Berufstätige verdient nur selten 5000CHF bei einem Arbeitgeber. Sie müssen daher ein ganzes Beschwerdeverfahren einleiten und die erforderlichen Nachweise erbringen.
- Der Mutterschaftsschuttz ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt. In der Schweiz wurden Gesetze zum Schutz der schwangeren Frauingeführt. Dies ist an sich gut. Allerdings sind diese Schutzmassnahmen für unseren Beruf nicht geeignet. Es gibt zwei Maßnahmen, die problematisch sind: der Grenzwert von 85 db (durchschnittlicher Schalldruck über 8 Stunden) und die Arbeit zwischen 20:00 und 6:00 Uhr morgens in den letzten beiden Monaten der Schwangerschaft. Der Durchschnittswert von 85 db wird deutlich überschritten (als Hornistin, wenn ich alleine spiele, überschreite ich bereits 90 db und das ohne laut zu spielen) und wir arbeiten viel in den Abendstunden. Die Nichteinhaltung dieser beiden Massnahmen führt zu einem Arbeitsverbot. Für Festangestellte gilt: Wenn der Arbeitgeber keine geeigneten Bedingungen schaffen kann, muss er den Verdienstausfall bezahlen. Und schwangere Freiberuflerinnen werden kaum noch eingestellt. Es gibt also eine Diskriminierung bei der Einstellung. Im Schweizer Parlament wurde eine Motion eingereicht, um eine Lösung zu finden, damit freiberufliche schwangere Frauen nicht ihre Arbeitslosenrechte verlieren, nur weil sie nicht arbeiten dürfen.
Eine tägliche Herausforderung
Festangestellte haben keine Ahnung von den täglichen Kopfschmerzen, denen sich Freelancer (zeitweilig und selbständig) gegenübersehen, und von all den zusätzlichen Kosten, die vollständig von ihnen getragen werden:
- Instrument: Kosten für Kauf, Wartung und Versicherung
- Proberaum (Mietkosten)
- Übungszeit und Zeit zum Einstudieren
- Reisen & Transport
- Verdienstausfall bei Krankheit und Unfall
- Altersvorsorge (Beiträge zur 1. und 2. Säule)
- Administration, Vertragsverhandlungen, Werbung,…
Aus all diesen Gründen können wir nicht nur zum Vergnügen spielen und Workshops erteilen, unterrichten oder bei Veranstaltungen zu Billigpreisen spielen. Der Schweizer Musikerverband und der Schweizer Musiklehrerverband haben darum auf ihren Websites angemessene Tarife publiziert, die auf ihren Websites leicht zu finden sind.
Letztendlich bitten wir die Amateurkreise und Organisatoren um ein Mindestmass an Respekt für unseren Beruf. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die ein festes Gehalt verdienen und unsere Dienste für ihr Hobby in Anspruch nehmen.
Es lebe das Alphorn, sein sanfter, poetischer, warmer und majestätischer Klang!

Das ist natürlich super für so einen Werdegang….
Ich stimme eigentlich mit fast allem das du sagst überein. Aber als Amateur Alphorn Spieler finde ich mich ein bisschen angegriffen. Aber vielleicht verstehe ich nicht was wir in deiner Meinung falsch machen. Bist du der Meinung das Amateure nie öffentlich auftreten sollen? Sind die Kurse finanziell nicht genügen bezahlt ? Ich habe die grösste Bewunderung für die Arbeit und das Talent die in diese Kunst geht . Nur wenige können das erreichen , aber die Liebe zur Musik und zum Instrument braucht keine Schulung und kann bei beiden Amateuren und Musiker genauso gespürt werden .
Guten Tag,
Zunächst einmal vielen Dank für Ihr Interesse an diesem Thema und dafür, dass Sie den Artikel bis zum Ende gelesen haben. Dann gibt es offensichtlich ein kleines Missverständnis. Es ist toll, dass so viele Amateure das Alphorn mit Leidenschaft spielen und manchmal ein hohes Niveau erreichen. Und es ist auch super, dass sie so oft wie möglich auftreten! Und da gibt es meiner Meinung nach keine Probleme. Und jeder ist frei. Nur wenn Amateure professionelle Musiker engagieren, sei es, um mit ihnen zu spielen, oder für einen Auftritt, oder um sie in Workshops oder anderen Kursen zu unterrichten, ist es wichtig, dass sie als professionelle bezahlt werden. So wie wir Juristen, Psychologen oder einen Klempner für die Reparatur unserer Badewanne bezahlen, … müssen auch die Preise für professionelle Musiker respektiert werden. Die SMV-Tarife beziehen sich auf musikalische Leistungen und die SMPV-Tarife auf den Unterricht. Wenn Sie das bereits tun, ist Ihre Praxis beispielhaft und es wäre toll, wenn Sie sie mit Ihrem musikalischen Umfeld teilen würden.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag
Mit freundlichen Grüssen
Jessica F.
Vielen Dank für diesen Artikel. Auch als Amateur macht es für mich Sinn, sich nicht unter dem Wert von Berufsmusiker:innen zu verkaufen. Das ermutigt dann vielleicht Veranstalter sich an Alphornnist:innen zu wenden, die vom Musizieren ihren Lebensunterhalt bestreiten. Den Verdienst kann ich dann wieder in Stunden investieren.
Vielen Dank für Ihren Kommentar, der Ihr Verständnis für unseren Beruf widerspiegelt.
Mit freundlichen Grüssen
J. Frossard
Vielen Dank für deine interessanten Erklärungen und Schilderungen.
Ich denke du hast deine geschilderte Ausbildung ausschliesslich mit dem Waldhorn gemacht.
Professionelle Ausbildungslehrgänge mit einem Alphorndiplom gibt es meines Wissens nicht.
Du musst wissen Alphornmusik ist Laienmusik, volkstümliche Musik.
Konzertante Werke mit Alphornbeteiligung benötigen meistens professionelle Hornisten, so wie dich. Davon soll hier nicht die Rede sein.
Du betrittst als professionelle Hornistin mit deinem Alphorn das «Feld» der Laien-Alphornbläser/innen. Da stehst du tatsächlich, zu deinem Leidwesen, auf verlorenem Posten.
Wir Laienbläser/inen pflegen unser Hobby zur Freude an der Musik und unterhalten auch gerne die Zuhörer/innen an den unterschiedlichsten Anlässen.
Wir sind meistens auf diese Einnahmen nicht angewiesen, sind uns aber auch bewusst, dass wir nie eine «professionelle Entschädigung» verlangen können.
Mit diesem Dilemma wirst du wohl immer wieder zu tun haben.
Ich wünsche dir weiterhin viele erfolgreiche Auftritte mit deinem Alphorn.
Ruedi