Volksmusik-Revivals: was steckt dahinter?

In der Ethnomusikologie sind «Volksmusik-Revivals» seit den 1990er Jahren ein fester Forschungsgegenstand. Hier wird untersucht, wie verloren geglaubte oder verschwindende Volksmusiktraditionen unter bestimmten Umständen wiederbelebt werden, in dem sie 1) ausgegraben, 2) untersucht, 3) normiert/standardisiert und 4) verbreitet werden. Wie Tamara Livingston (1999, S. 69) in ihrem bekannten Artikel «Music Revival: Towards a General Theory”[1] festhält, sind dabei gewisse Grundkomponenten bei fast allen Musik-Revivals feststellbar:

  1. Volksmusik-Revivals werden meistens von einer kleinen Gruppe von Enthusiasten und Volksmusikliebhaber*innen («core revivalists») ins Leben gerufen, oft als eine Art Gegenbewegung zur Modernisierung, Urbanisierung, zum Mainstream, zur Technologisierung und zum Kapitalismus einer Gesellschaft
  2. Um eine verschwindende oder verloren geglaubte Volksmusiktradition wieder zu beleben werden historische Quellen erforscht (Instrumente, Notenbücher, Beschreibungen, Tonaufnahmen) und praktizierende Expert*innen dieser Traditionen befragt
  3. Die Erforschung dieser Primärquellen geschieht häufig vor dem Hintergrund einer gewissen Ideologie, sei das Nationalismus, die Stärkung einer ethnischen Minderheit, Anti-Mainstream etc.
  4. Eine Gruppe von Fans («followers») beginnt dann die Musiktradition, die wiederbelebt werden soll, wieder zu praktizieren. Es bildet sich eine Revival-Community
  5. Diese Revival-Community organisiert diverse Aktivitäten: Konzerte, Vorträge, Workshops, Festivals, Events, Wettbewerbe und publiziert Notenbücher, DVDs, Literatur etc.
  6. Es entsteht ein non-profit oder kommerzieller Markt, der die wiederbelebte Musik fördert und sie sich weiter entwickeln lässt

Ist die wiederbelebte Tradition erst einmal etabliert, können innerhalb dieser Tradition neue Bewegungen entstehen, die die wiederbelebte Tradition durch Innovation erweitern und sie manchmal auch kritisieren und aufbrechen wollen. Musikethnologin Denise Milstein (2014)[2] spricht hier von sogenannten Revival-Currents («Strömungen»).

Auch das Alphorn hat ein solches Revival erlebt, eine Geschichte die Musikethnologe Max-Peter Baumann sogar noch vor Tamara Livingstons Aufsatz ausführlich untersucht hat in seinem Artikel «Folk Music Revival: Concepts Between Regression and Emancipation” (1996).[3] In seinem Abstract schreibt Baumann:

The musical behavior of folklore groups towards their environment is marked by conflicting models. On the one hand such groups tend in a historicizing way to try to revive the past using the most „authentic“ forms possible (concept of cultivating the original „old“). At the same time, involvement with the modern is a transcendence of old concepts in that the local is syncretically blended together with new ideas (concept of fusioning the „old“ and „new“). The dynamic of tradition lies precisely in the musical relationship between local and global perspectives, regression and emancipation, and between retrospection and future outlooks.” (S. 71).

Der von Baumann beschriebene Verhandlungsprozess zwischen «alt» und «neu», «lokal» und «global», «konservativ» und «innovativ» liegt allen Volksmusikrevivals zu Grunde und wird in den allermeisten Fällen sehr heftig und emotional geführt. Traditionalist*innen und innovative Musiker*innen finden in den wenigsten Fällen einen Konsens, denn beide Seiten beanspruchen für sich, die Volksmusiktradition authentisch zu spielen. Was dabei vergessen geht, ist die Tatsache, dass die «Authentizität» bei traditionellen und bei innovativen Musiker*innen oft kontrovers interpretiert wird. Die Vertreter*innen der traditionellen Sichtweise beziehen sich auf eine «historische Authentizität» (und vergessen dabei oft, dass sich die wiederbelebte Tradition oftmals an Regeln hält, die erst bei der Normierung des Revivals entstanden sind). Die Vertreter*innen der innovativen Sichtweise kommen häufig selbst aus der künstlerischen Praxis: sie möchten keine als «verstaubt» verstandene Tradition spielen, sondern wollen ihren künstlerischen Ausdruck über die Tradition authentisch vermitteln. Diese gegensätzlichen Sichtweisen der Authentizität in Volksmusikrevivals haben Hagmann und Morrissey (2018)[4] anhand englischer Volkslieder ausführlich untersucht, eine Analyse, die sich auch auf die Geschichte des Alphorns und seines Revival-Bewegungen übertragen lässt.

BOX: Kinofilm «Beyond Tradition: Kraft der Naturstimmen»

Um die Fragen nach Musik-Revivals, Authentizität, Tradition und Innovation in wortlosen Gesängen aus der Schweiz, aus Norwegen und Georgien geht es auch im musikethnologischen Dokumentarfilm «Beyond Tradition». Hier pendelt der Appenzeller Jodler Meinrad Koch zwischen den traditionellen Konventionen seiner Heimat und zeitgenössischen Fragen rund um Gender und musikalische Fusionen, die er sich für den Appenzeller Naturjodel wünscht. Er hinterfragt die rigiden Regeln, die z.B. der Trachtenverband Appenzeller Innerrhoden aufstellt, in einem Rap, wo ein traditionelles Ruggusseli auf Simon und Garfunkels «Bridge Over Troubled Waters» trifft, und stellt die Frage:

Wa isch denn Tradition? Nebes vo geschte, hüt ode moon?
D Regle gets esch 80 Joohr
Isch denn da s’enzig woohr?

Auf seiner Suche nach Antworten zu Tradition und Innovation in anderen Musikkulturen trifft Koch auf die Joikerin Marja Mortensson in Norwegen, die den traditionellen Gesang der Sami, den Joik, wiederbelebt, um ihrer kulturellen Minderheit eine Stimme zu geben. Auch hier ein klassisches Beispiel für ein Revival: der Joik der Süd-Sami ist schon seit 2 Generationen ausgestorben. Aber Mortensson forscht in Archiven nach alten Aufnahmen, befragt ihre Grossmutter und andere ältere Leute nach ihren Erinnerungen an den Joik und beginnt ihn somit wiederzubeleben. Musikalisch geht aber auch sie einen Schritt weiter: sie mischt den Joik mit Jazz und einem Streichquartett mit Tuba und bringt ihn somit im neuen Kleid auf die Bühne und wieder ins Bewusstsein der Menschen.

In Georgien, der dritten musikalischen Station in «Beyond Tradition», scheint der georgische Gesang im Alltag omnipräsent: ein Gruppe Jugendlicher im Bus singt ein Volkslied nach dem anderen, voller Freude und Enthusiasmus. Aber auch diese Gesänge wurden vor gut 100 Jahre kanonisiert und standardisiert. Georgische Musikethnolog*innen halten ein wachsames Auge und Ohr auf die korrekte Interpretation dieser Gesänge, inklusive des georgischen Jodelns Krimanchuli. Und so stösst der georgische Jugendchor Tutarchela mit seinem Interesse an Volksliedern aus anderen Kulturen und urbanen Musikstilen nicht immer auf offene Ohren: Trotz ihres unglaublich hohen Niveaus und ihrem berührenden musikalischen Ausdruck. Ihr Credo: Musik bedeutet Freiheit. Es geht nicht um rigide Regeln, sondern darum, sich im Gesang auszudrücken und eine musikalische Gemeinschaft zu bilden.

Infos zum Film: beyondtradition.ch, Wikipedia


[1] Livingston, Tamara. (1999). “Music Revivals: Towards a General Theory”. In: Ethnomusicology, Vol. 43, No. 1, 66-85

[2] Milstein, Denise. (2014). “Revival Currents and Innovation on the Path from Protest Bossa to Tropicália”. In: Caroline Bithell and Juniper Hill. Oxford Handbook of Music Revival. Oxford and New York: Oxford University Press, 418-441.

[3] Baumann, Max-Peter. (1996). “Folk Music Revival: Concepts between Regression and Emancipation”. In: The World of Music, Vol. 38, No. 3, 71-86.

[4] Hagmann, Lea and Franz Andres-Morrissey. (2018). “Multiple Authenticities of Folk Songs”. In: Thomas Claviez, Kornelia Imesch and Britta Sweers (eds.). Critique of Authenticity. Wilmington: Vernon Press, 183-206.

Ein Kommentar

  1. Hallo Lea,
    Ich danke Dir für die Hinweise in diesem Beitrag. Mit dem Film ist es Dir gut zu zeigen, was es „beyond tradition“ bedeuten kann.
    Seit dem Folk-Festival auf dem Gurten in den 70er Jahren habe ich einige Revivals gesehen und auch wieder etwas leiser werdend.
    Tamar hat mit ihrem Chor Tutarchela war am anfang des Revivals der Frauenchöre in Georgien. Wunderbar wieviele Frauenchörr es heute
    gibt. Auch mit der Musikschule von Rustavi war Tamri Pionierin. Heute gibt es Jugendchöre in allen Regionen im Grossen- und Kleinen Kaukasus.
    Meinen Freunden in Georgien gefällt auch nicht alles, was andere Musiker aus der Traditon machen. Freuen wir uns and der Vielfalt und Kraft der Naturstimmen.
    Klangvolle Grüsse
    Christoph

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